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Hiddenbrooke

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Anja Jensens Außenraum-Intervention „Hiddenbrooke“ im Niemandsland des Schlachthof-Geländes hinter dem Wiesbadener Hauptbahnhof ist ein Wahrzeichen stacheliger Konfliktchoreografie. Halb Wachturm und Ausguck aggressiver Segregationspolitik, halb befestigte Wohnanlage spricht dieses Kunstwerk von den Gefahren der Polarisierung der Stadtgesellschaft. Wie soll ein sicheres und gerechtes Zusammenleben der Gesellschaft erreicht werden, wenn die Gesellschaft ihre Kohäsionskraft verliert und Verteilungs- und Regulationskonflikte zunehmen?

Als Künstlerin weiß Anja Jensen auch keine Antwort, aber sie hat den Mut, die richtigen Fragen zu stellen. Denn die neuen „Modelle städtebaulicher Apartheid“, von denen der amerikanische Journalist Robert Lopez bereits 1996 berichtet hat,* sind allerorten auf dem Vormarsch. Zoning Restrictions gibt es in den USA und in Südafrika, in Brasilien, Nigeria, im Nahen Osten – und zunehmend auch in Europa.

Der vorübergehenden Abwesenheit von Angst Inseln zu bauen, gilt bereits in Großbritannien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden als zeitgemäß. Dabei wissen die Betroffenen natürlich, dass ein Sich-Einigeln nicht automatisch mehr Sicherheit bringt. Zeitweilig beruhigend, wie ein gut vermauertes Fürchte-Dich-nicht, wirkt es trotzdem.

Anja Jensen trifft den richtigen Ton, denn in der Diskussion geht es in erster Linie um Emotionen. Wenn die Gefolgschaftskandidaten der Angst, Politiker und Stadtplaner, Investoren, Baufirmen und Sicherheitsdienste, die Symbole der Abkapselung mit dem Gefühl von Sicherheit zu verknüpfen vermögen, dann ist der Weg frei für das ganz große Geschäft mit den Gated Communities. Mit zunehmender Heterogenität der Gesellschaft im Kontext ausufernder Individualisierung fühlen sich immer mehr Begüterte als Verliererschicht. In wehrhaft ausgebauten, nach außen hin pompös dekorierten Wohnsiedlungen schließen sich die Wohlhabenderen unter harten disziplinarischen Zugeständnissen hinter veritablen Mauern, Zäunen, Wassergräben und elektronischen Überwachungsanlagen weg. Häuser, Straßenzüge, Städte, suburbane Siedlungen, ganze Landschaften werden durch innere Grenzziehungen neu zoniert.

Wie ein versteinertes Untier hat Anja Jensen „Hiddenbrooke“ auf einer Industriebrache hingestreckt. Die modernistische Fassade mit dem schmalen Grundstück wird von einer 1,65 Meter hohen Mauer umschlossen, die die Farbe der ortsüblichen rötlichen Sandsteinfassaden z. B. am Wiesbadener Bahnhof oder Landtag aufgreift. Gerade hoch genug, um noch mit dem Kopf über die Mauer luken und den Blick auf den makellosen, von spitzen Sansevirien gesäumten Kunstrasen werfen zu können. Des Nachts dann zeigt das eingeschlossene Vorzeigeparadies seine Zähne, wenn der starke Suchscheinwerfer aggressiv das gesamte umliegende Areal abscannt. Was in den USA bereits Planungsalltag ist, nämlich mit privatisierten Enklaven den öffentlichen Raum zu zerpflücken, bekommt in dieser skulpturalen Übersetzung einen fühlbar unangenehmen Beigeschmack.

Denn ebenso wie Shopping Malls sind Gated Communities Privatisierungen des Öffentlichen, die nur einer zahlungskräftigen Klientel Einlass gewähren. So wird bisher allgemein zugänglicher Raum durch individuelle Interessenslagen okkupiert.

Die Trennung sozialer Gruppen fördert jedoch die soziale Spaltung einer Gesellschaft und erhöht die Angst vor Anderen und Fremden. Die sich heute abzeichnenden Veränderungen im Sicherheitsgefühl sind untrennbar verknüpft mit dem wachsenden Bedürfnis nach Situationskontrolle, das freilich nicht durch Angstunterdrückung, sondern nur durch individuelle Kreativität zu befriedigen sein wird.

Anja Jensen nimmt die vielgepriesene offene Gesellschaft beim Wort, und man registriert die feine Ironie, mit der sie sich skulptural pointiert gegen die akademischen Beschwichtigungen wendet. Auf verstörende Art und Weise spricht ihre Arbeit von der strukturellen Gewalt der Angst wie von der Macht der Ängstlichen. Angesichts der exemplarischen, in der Sprache der Kunst vorgeführten Ausgrenzung erkennen wir, dass uns möglicherweise nur neue Formen der staatlichen Kontrolle, Umstrukturierungen in der Bereitstellung von Sicherheit im kommunalen Sektor sowie die Beantwortung der Frage, welche Rolle der Bürger zukünftig in Sicherheitsaufgaben erfüllen soll, zukunftsfähig machen können. Und ist die von Anja Jensen vorgeführte, hermetisch abgeschlossene Privatheit wirklich erstrebenswert? Sie hat ganz bewusst keine wirkliche Hausfassade aufgebaut, sondern eine von weitem erkennbare Kulisse. Hier wird offensichtlich etwas zur Schau gestellt, das keinen Rückhalt hat.

So lässt uns die Künstlerin aber auch nachdenken über die Bedeutung von Privatheit in einer vernetzten Welt. Die Scheinhaftigkeit ihres Architekturensembles führt vor Augen, dass es ja erst die vielfältigen Formen von Überwachung und Kontrolle sind, die das Bewusstsein für die Sehnsucht nach Privatheit und Abgeschlossenheit haben entstehen lassen.

 

* Robert Lopez: Neue soziale Apartheid – Festungsstädte nur für Reiche, in: Elisabeth Blum (Hg.): Wem gehört die Stadt? Armut und Obdachlosigkeit in den Metropolen, Basel 1996, S. 51–59.

Christoph Tannert

 

In: Katalog anlässlich der Ausstellung “Wo bitte geht´s zum Öffentlichen? Show me the way to public sphere!”

im Wiesbadener Stadtraum, (Kerber) Bielefeld, Leipzig 2006, S. 94-96

 

 

Hiddenbrooke

Wiesbaden station is a symbol of thorny conflict choreography. Half watchtower and lookout from the world of aggressive segregation politics, half fortified residential area, this work of art expresses the risks inherent in the polarisation of urban society. How can secure, fair social cohabitation be achieved when society is losing its cohesiveness and distribution and regulation conflicts are on the increase?

As an artist, Anja Jensen has no answer either, but she has the courage to ask the right questions. For the new “models of urban development apartheid”, on which the US journalist Robert Lopez reported back in 1996*, are on the advance everywhere. “Zoning restrictions” exist in the USA, South Africa, Brazil, Nigeria, the Middle East and increasingly also in Europe.

Building islands to create a temporary lack of fear is already considered in keeping with the times in the UK, France, Belgium and the Netherlands. Those concerned also know, of course, that hiding yourself away does not automatically mean greater security. Temporarily reassuring, the walls still make you feel safer though.

Anja Jensen hits the right tone because the debate is primarily concerned with emotions. When the knee-jerk retinue of fear, politicians and urban planners, investors, construction companies and security services succeed in linking the symbols of isolation with the feeling of security, the path is clear for big bucks to be made with gated communities. With increasing social heterogeneity in the context of escalating individualisation, increasing numbers of wealthy people feel they belong to the losers’ stratum. In well-fortified, grandiosely decorated residential settlements, the more affluent parts of society are accepting strict discipline and shutting themselves away behind veritable walls, fences, moats and electronic surveillance systems. Houses, roads, cities, suburban settlements and entire landscapes are being rezoned by new boundaries.

Anja Jensen laid out “Hiddenbrooke” like a petrified monster on fallow industrial land. The modernistic façade with the narrow plot is enclosed by a 1.65 metre high wall which employs the colour of the red sandstone façades common in the city, for example of Wiesbaden station or the Parliament building. Just high enough to allow you to peep over the wall and see the flawless artificial lawn lined by pointed sansevierias. At night, the enclosed show paradise bares its teeth when the powerful searchlight aggressively scans the entire surrounding area. That which is already an everyday part of urban development, i.e. the fragmentation of public space with privatised enclaves, is given a tangibly unpleasant aftertaste in this sculptural interpretation.

Like shopping malls, gated communities represent the privatisation of the public sphere to which only a wealthy clientele is admitted. Space previously accessible to the general public is occupied by individual interests.

However, the separation of social groups promotes the social fission of a society and increases fear of others and outsiders. The current changes in feelings of security are inseparably linked to the growing need for situation control which will, of course, be satisfied not by suppression of fear but only by means of individual creativity.

Anja Jensen takes the oft-lauded open society at its word and the subtle irony with which she counters academic appeasement in pithy sculptural form is obvious. In a disturbing manner, her work talks of the structural force of fear and the power of the fearful. Faced by this example of exclusion, performed in the language of art, we recognise that possibly only new forms of state control, restructuring of the provision of security in the municipal sector and answering the question as to what role citizens should play in the future in security tasks can make us viable for the future. And is the hermetically isolated private sphere presented by Anja Jensen really desirable? She deliberately built not a real façade of a building but a façade that is recognisable from afar as a set. Something is obviously being displayed here that has no backing.

In this way the artist also makes us reflect on the importance of the private sphere in a networked world. The phoniness of her architectural ensemble shows us that it is, in fact, the various forms of surveillance and control that have created awareness of the longing for the private sphere and isolation.

 

* Robert Lopez: Neue soziale Apartheid – Festungsstädte nur für Reiche, in: Elisabeth Blum (Hg.): Wem gehört die Stadt? Armut und Obdachlosigkeit in den Metropolen, Basel 1996, S. 51–59.

 

Christoph Tannert

In: Catalogue published on the occasion of the exhibition “Wo bitte geht´s zum Öffentlichen? Show me the way to public sphere!” in the municipal area of Wiesbaden, (Kerber) Bielefeld, Leipzig 2006, S. 94-96