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SHOOTINGSTAR

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Ertappt. Gegen die Regeln verstoßen. Die Bürgerin (und Künstlerin) Anja Jensen ist bei Rot über die Ampel gefahren – sicherlich eines der gefährlichsten Verkehrsdelikte, die begangen werden können. Aber der Staat hat alles im Griff oder versucht zumindest, indem er an besonders unfallträchtigen Kreuzungen Starenkästen installiert. So wird auch diesen Übeltäterin mit der Kamera erfasst, ein Widerspruch ist zwecklos, denn die Aufnahme  liefert den knallharten Beweis.

Die Künstlerin ist bewusst über die rote Ampel gefahren – und sie ist geblitzt worden.      Das fotografische Ergebnis ist an Ort und Stelle des Geschehens als riesige Fotoreproduktion  zu sehen: an der Fassade eines repräsentativen Gebäudes, nahe jener Kreuzung, wo die Kameraanlage installiert ist. Dabei dokumentiert die Aufnahme nicht    nur den Gesetzesverstoß, das Auto und die Fahrerin, sondern mit fast unheimlicher Überdeutlichkeit alle Einzelheiten, die in diesem Augenblick in das Blickfeld der Kamera geraten. Und doch wirkt das Foto trotz seiner Banalität des Sujets durch die merkwürdig schummerigen Farben irreal. Ist es Tag oder Nacht? Irgendwie scheint die Realzeit aufgehoben zu sein. Sie ist allerdings sehr wohl erkennbar durch die digitalisierten Angaben. So liest man über dem Foto auf einem Infostreifen die genauen Angaben         zum Tatort: Uhrzeit, Datum und überschrittene Zeit nach Umschaltung der Ampel auf       die Hundertstelsekunde.

Das große Tatortfoto zeigt sie, die Künstlerin, wie eine berühmt berüchtigte Person, einem Fahndungsaufruf ähnlich, in aller Öffentlichkeit – ein richtiger Star. Überwachung total.

Folglich fragt man sich, ob solch eine Maßnahme, die der Sicherheit dienen soll, nicht letztlich das Gegenteil bewirkt: ein Gefühl der Verunsicherung. Wie wird man geschützt vor dem ubiquitären Auge solcher Kontrollsysteme? Wird uns unser Bedürfnis nach Sicherheit möglicherweise zum Verhängnis? Ob wir diese Fragen theoretisch bejahen oder verneinen: Anja Jensens Projekt macht die Konsequenzen der modernen Überwachungsgesellschaft auf einmal beängstigend transparent.

Gail B. Kirkpatrick

In: Direttissima, Zum Umzug der Kunstakademie Münster, Ein Ausstellungsprojekt im Stadtraum von Münster , Februar – 8. April 2001, Schriften der Kunstakademie Münster 2001, S. 48