menu

TATORT

zum Projekt

 

ZWIELICHTIGE ORTE

In ihren fotografischen Arbeiten und Installationen setzt sich Anja mit dem Szenario des Überwachtwerdens und Überwachens auseinander. Seit 2001 inszeniert die Künstlerin in der Dämmerung und im Schein von künstlichem Licht unheimliche Schauplätze an realen Orten in der Natur oder in städtischer Umgebung, die dem Verdacht von Voyeurismus und kriminologischer Observation aufkommen lassen.
Die magisch verrätselten Darstellungen, die Filmstills gleichen, beginnen mit der Werkserie It’s for Security, die 2004 in einer Publikation vorgestellt wurde.
Einzelne Personen oder Gruppen werden bei einer vieldeutig geheimnisvollen Tätigkeit gezeigt, wie auf frischer Tat ertappt. Die Arbeiten der Reihe entstanden bei Projekten der Fotokünstlerin in Deutschland, Südamerika, China, in der Türkei und den USA und wurden dort sowie europaweit in mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert.
Der Katalog Tatort versammelt Arbeiten der letzten zehn Jahre, deren inhaltliche Klammer und Leitmotiv wiederum das Überwachen und Beobachten ist.
Die weit gereiste Künstlerin hat magisch-zwielichtige Szenen vielfach an unterschiedlichen städtischen Orten inszeniert, die zwischen Vorortidyll, geschütztem Wohnquartier oder urbaner Zumutung changieren. Der Einbruch eines rätselhaften Grauens in eine vermeintlich heile Welt erinnert zuweilen an die verstörenden Vorstadtkulissen des amerikanischen Fotokünstlers Gregory Crewdson, der mit höchstem technischen Aufwand den Abgründen des amerikanischen Alltagslebens auf die Spur zu kommen sucht. Auch Anja Jensens magischer Twilight-Realismus evoziert einen fiktiven Erzählraum, der die in Scheinwerferlicht getauchten Akteure zu Verdächtigen, Tätern oder Opfern macht. Gleichwohl gibt der mutmaßliche Tatort keinen Aufschluss über das eigentliche Geschehen; stattdessen ist es die Atmosphäre des Geheimnisvollen und Unaufgeklärten, die den Betrachter zu Spekulationen veranlasst.
Seit 2006 hat Anja Jensen wiederholt die Nordseeinseln Amrum und Föhr aufgesucht und dort die Motive für ihre Werke gefunden. Schon mehrfach nutzte die Künstlerin verschiedene Strand- und Hafenmotive als magische Settings für ihre Arbeiten, in denen sie durch die Behauptung von heimlichen Taten an unheimlichen Orten die Fantasie des Betrachters zu fesseln weiß.
Der motivische Umzug aufs Land und in die Provinz bleibt aber den gleichen investigativen Grundsätzen verpflichtet wie die urbane Arena. Die Künstlerin wählt ihre Modelle in der Regel vor Ort aus, sie baut wie in einer Feldforschungssituation ein Vertrauensverhältnis zu ihren Informanten und Darstellern auf und lässt sich von den Lebensgeschichten und dem alltäglichen Lebensumfeld künstlerisch inspirieren.
Die emotional beladene Natur spielt in Anja Jensens inszenierter Fotografie nicht selten die Rolle des Stimmungsmachers. Nächtliche oder bedrohlich dunkle Gewitterhimmel korrespondieren mit der Gefühlslage der Akteure; der Held und sein Wetter sind in diesen schön-schaurigen Bildfindungen untrennbar miteinander verwoben. Dramatische Küstenhimmel und endlose Meeresweiten verheißen nichts Gutes. Mit dem Blick in den Himmel und in die Ferne knüpft Anja Jensen an die Ästhetik des Erhabenen an: Erst im Schrecken der Natur wird ihre Schönheit offenbar.

Thorsten Sadowsky

 

TWILIGHT LOCATIONS

Anja Jensen’s photographic works as well as installations deal with the scenario of monitoring – of being surveilled and surveilling. Since 2001 the artist stages uncanny scenes, in twilight or in the glow of artificial light, on the brink of voyeurism and criminological observation at real locations in nature or urban areas. The magically enigmatic portrayals, often resembling film stills, found their beginning with the series, It’s for Security, first published in 2004. Individuals or groups are depicted in ambiguous, secretive activities, as if caught in the act. The works in the series were taken by the artist whilst working on projects in Germany, South America, China, Turkey and the USA, where they have since been presented, as well as in Europe, in several solo and group exhibitions.
The catalogue at hand, entitled Tatort, assembles Anja Jensen’s photographic work of the last ten years, its encompassing theme being monitoring and surveillance. The well-travelled artist staged many magical, double-lit scenes in various urban areas, ranging from suburban idylls through gated communities to deprived areas. The intrusion of horror into what is perceived as an ideal world sometimes reminds one of the work of the American photographer, Gregory Crewdson, who, with utmost care and technical precision, takes a look into the abyss of American everyday life. Anja Jensen’s ‘magical twilight realism’ also evokes a fictional narrative, turning the spotlighted actors into suspects, culprits and victims. At the same time the alleged crime scene exposes no details of the real actions, but rather creates a mysterious and unexplained atmosphere which only fuels speculation.
Since 2006 Anja Jensen has repeatedly visited the islands of Amrum and Föhr in the North Sea to find motifs for her artistic work. Many times she used different beach and harbour scenes as magical settings for her photographs, which rivet the viewer with the proposition of secretive actions in scary places.
Yet the relocation of her motifs to the countryside or the provinces never alters the commitment to the investigative principles that exist in her work in the urban arena. Like a field studies situation, the artist usually chooses her subjects on site, she builds up trust with her informants and actors, and is inspired by their life stories and living environment.
The emotionally charged, natural world in Anja Jensen’s photography quite often functions as the creator of atmosphere. Nocturnal or threatening tempest-ridden skies correspond to the emotional state of the subjects; in these eerily beautiful images the hero and the weather are inseparably linked. The coastal skies and the endless sea bode ill. With a view to the skies and a gaze into the distance, Anja Jensen establishes contact to the aesthetics of the sublime: only in the fear of nature is its beauty revealed.

Thorsten Sadowsky